Was kostete der Kurs Deutschland bis 2025?
Seit Beginn des Ukrainekriegs wird in Deutschland viel mit Moral argumentiert. Moral kann Orientierung geben – aber sie ersetzt keine Rechenschaft. Wer Entscheidungen im Namen des Guten trifft, muss erklären: Was kostet es? Wer trägt es? Und welche Alternativen verschwinden dadurch?
Solidarität braucht Zahlen. Hier steht die belegbare Unterkante der kriegs- und energiepolitisch veranlassten Kostenblöcke – ohne PR-Nebel, ohne Beschönigung. Dazu: was diese Zahlen nicht enthalten und warum Deutung keine Bilanz ersetzt.

Belegbare Unterkante bis 2025 (Bund / staatliche Ebene)
1) Bilaterale Unterstützung im Zusammenhang mit der Ukraine (24.02.2022–31.03.2025):
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„knapp 48 Mrd. €“ dokumentierte bilaterale Unterstützungsleistungen (inkl. ausgewiesener militärischer Anteile). Deutscher Bundestag+1
2) Energiekrise / finanzpolitische Abfederung (WSF Energiekrise):
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Kreditaufnahme 2023: 41,5 Mrd. € (als maßgeblicher Treiber der Nettokreditaufnahme-Überschreitung). Dserver Bundestag+1
3) LNG-Ersatzinfrastruktur (als Reaktion auf den Wegfall russischer Gaslieferungen):
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rund 9 Mrd. € Bundeskosten für LNG-Standorte/Charter/Teilkosten Anbindungsleitungen (Stand 2023). Deutscher Bundestag
4) Bürgergeld an ukrainische Staatsangehörige (Jahr 2024):
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„fast 6,3 Mrd. €“ (berichtet auf Basis einer BMAS-Antwort auf eine parlamentarische Anfrage). ZDFheute+2ZDFheute+2
Das ist die belegbare Unterkante – keine Vollkostenrechnung des Krieges (Inflation, Wachstumsschäden, Opportunitätskosten, kommunale Folgekosten u. a. sind hier nicht sauber enthalten).
Was diese Bilanz oft nicht abbildet (damit niemand sich herausredet)
Nicht enthalten sind z. B. die volkswirtschaftlichen Zweitrundeneffekte (Inflation, Standort- und Wettbewerbsverluste), indirekte kommunale Belastungen jenseits einzelner Bundespositionen, sowie der politische Preis (Vertrauen, Polarisierung, institutionelle Erosion). Wer seriös ist, behauptet nicht, diese Effekte seien „null“ – aber wer seriös ist, behauptet auch nicht, man könne sie ohne Methodik einfach addieren.

Solidarität braucht Zahlen- Warum die moralische Erzählung die Bilanz nicht ersetzen darf
Kommentar:
Ich kritisiere nicht Hilfe als Prinzip. Ich kritisiere das Muster, zuerst in großen Worten zu sprechen und erst danach – widerwillig – in Zahlen. „Solidarität“ wird als Deutung eingesetzt: Wer fragt, gilt schnell als unsolidarisch. Genau das ist demokratieschädlich. Denn Solidarität ist kein Freibrief, sondern ein Auftrag zur Transparenz.
Besonders sichtbar wird das beim Energiebruch: Der schnelle Abschied von russischen Lieferbeziehungen wurde politisch als moralische Notwendigkeit erzählt. Moralisch kann man das vertreten – aber ökonomisch war es ein teurer Umbau unter Zeitdruck. Und diese Rechnung landet nicht im Vakuum, sondern in Haushaltszwängen, Prioritätenkämpfen, Verschuldungslogik und langfristigen Folgekosten.
Hinzu kommt die soziale Binnenwirkung: Wenn 2024 Bürgergeldzahlungen in Milliardenhöhe auch an ukrainische Staatsangehörige fließen, kann man das benennen, ohne Menschen gegeneinander auszuspielen. Aber man darf auch nicht so tun, als habe das keine Wirkung – auf Kommunen, Integrationskapazitäten und auf das Gerechtigkeitsempfinden in einer Gesellschaft, in der gleichzeitig viele das Gefühl haben, dass für ihre eigenen Sorgen immer weniger Raum und Geld vorhanden ist.
Und dann bleibt die Kernfrage, die in Deutschland oft nicht gestellt werden darf, ohne etikettiert zu werden: Um welche Deutungshoheit geht es? Wer definiert, was „Freundschaft“, „Verantwortung“ und „Notwendigkeit“ bedeuten – und wer kontrolliert, ob die daraus abgeleiteten Entscheidungen verhältnismäßig, wirksam und nachhaltig sind?
Frieden braucht keine PR. Frieden braucht Rechenschaft, Nüchternheit und die Bereitschaft, unangenehme Fragen auszuhalten – gerade dann, wenn man moralisch überzeugt ist.
Quellenhinweis:
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Deutscher Bundestag (hib): „48 Milliarden Euro bilaterale Unterstützung …“ (Zeitraum 24.02.2022–31.03.2025). Deutscher Bundestag
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Deutscher Bundestag (hib): „LNG-Standorte kosten den Bund rund neun Milliarden Euro“ (11.05.2023). Deutscher Bundestag
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Deutscher Bundestag Drucksache 20/14000: Kreditaufnahme WSF Energiekrise 2023 (41,5 Mrd. €). Dserver Bundestag
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Deutscher Bundestag Drucksache 21/1069: Bürgergeld-Ausgaben/Grunddaten 2024 (Kontext). Dserver Bundestag

Kosten & Deutung: Nietzsche fragt nach der Rechnung
Paul: Man wirft heute mit Moral, als wäre sie ein Zahlungsmittel. Ein Satz – und die Bilanz soll verstummen.
Nietzsche: Moral ist das bequemste Geräusch: laut genug, um Fragen zu übertönen. Wer sie benutzt, will selten prüfen – er will siegen.
Paul: Ich will keine Siege. Ich will Klarheit. Was kostet der Kurs – und wer zahlt ihn?
Nietzsche: Genau dort fängt Denken an. Aber eure Zeit hat das Denken durch Gesinnung ersetzt. Gesinnung ist billig. Rechenschaft ist teuer.
Paul: In der Medizin wäre das unvorstellbar: „Vertrauen Sie mir, es ist gut.“ Ohne Nebenwirkungen, ohne Alternativen, ohne Kosten.
Nietzsche: In der Politik ist es der Normalfall. Man nennt es dann „Verantwortung“. Und sobald jemand nach Zahlen fragt, wird er moralisch verwarnt: „Jetzt nicht. Das ist unpassend.“
Paul: Unpassend ist eher, dass man die Rechnung versteckt.
Nietzsche: Man versteckt sie nicht – man verteilt sie. Über Sondertöpfe, Notlagen, Zuständigkeiten. So wird Verantwortung verdünnt, bis sie niemandem mehr gehört.
Paul: Und dann kommt die Energiefrage. Als wäre das ein Nebenschauplatz.
Nietzsche: Nebenschauplatz? Ihr habt das Land umgebaut – unter Druck, teuer, hastig. Und dann tut ihr so, als seien die Folgen „eben passiert“. Nein, Paul: Das sind politische Entscheidungen, nicht Wetter.
Paul: Ich sehe die Folgen in der Praxis. Menschen, die nicht mehr schlafen, die zusammenzucken, wenn der nächste Brief kommt. Nicht wegen Ideologie – wegen Alltag.
Nietzsche: Weil Vertrauen der eigentliche Staatsfonds ist. Den kann man nicht kreditfinanzieren. Wer Kosten verschweigt, bezahlt später mit Spaltung.
Paul: Deshalb schreibe ich es so: Moral kann Orientierung geben – aber sie ersetzt keine Rechenschaft. Wer im Namen des Guten entscheidet, muss erklären: Was kostet es? Wer trägt es? Welche Alternativen verschwinden?
Nietzsche: Und wer das „zynisch“ nennt, hat nur Angst vor dem Prüfstand. Denn auf dem Prüfstand steht nicht nur eine Zahl – sondern die Deutungshoheit. Wer darf entscheiden, was „gut“ heißt, und wer darf nachmessen, was es anrichtet?
Paul: Fragen ist also keine Illoyalität.
Nietzsche: Fragen ist die letzte Form von Würde in einer Zeit, die lieber glaubt als rechnet. Und wer Frieden will, beginnt nicht mit Parolen – sondern mit der Rechnung, die man nicht mehr wegmoderieren kann.

Solidarität ist kein Freibrief – Zahlen, Folgen, Deutungshoheit
Bevor man mit Moral argumentiert, gehört die Bilanz auf den Tisch. Die folgende Übersicht trennt bewusst zwischen belegbaren Staatsausgaben, Energiekrisen-Maßnahmen und indirekten Effekten. Sie ist eine Unterkante – aber eine, die man nicht wegmoderieren kann.