Machtmaschinen, Deutschlands neue Rüstungsethik
Machtmaschinen
Deutschlands neue Rüstungsethik
Eine Kolumne von Paul Schulze
„Die Zeitenwende hat nicht nur Waffen verändert, sondern auch Wörter. Und mit ihnen uns.“
Paul Schulze :; © Paul Schulze 2025
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Friedensessay: Machtmaschinen
Deutschlands neue Rüstungsethik | Paul Schulze
Es ist seltsam still geworden um das Wort „Frieden“.
Zu still.
Fast so, als hätte jemand das Mikrofon im Konzertsaal der Vernunft stummgeschaltet,
während im Hintergrund die Panzerrollen schon wieder im Takt der Börsenkurse dröhnen.
Seit der „Zeitenwende“ ist Deutschland aufgebrochen
Wohin eigentlich? In die Zukunft?
Oder nur in die nächste Aufrüstungsrunde, diesmal mit moralischem Anstrich und klimaneutralem Diesel?
Man redet wieder von Stärke, Standhaftigkeit, Wehrfähigkeit. Worte, die nach Metall schmecken, nach Fabriköl und nach Geschichte, die wir eigentlich nie wieder erzählen wollten.
Die neuen Helden tragen Anzüge. Ihre Uniform ist der Business-Blazer, ihr Gefechtsfeld die Bilanzpressekonferenz.
Rheinmetall, Hensoldt, Krauss-Maffei Wegmann, die heilige Dreifaltigkeit der neuen Rüstungsethik.
Wo früher Kirchen gebaut wurden, entstehen jetzt Werkhallen. Wo einst über Friedenspolitik gestritten wurde, spricht man heute über Lieferketten für den Leopard 3.
Und alle nicken brav, pflichtbewusst, überzeugt davon, dass Sicherheit sich in Stückzahlen messen lässt.
Was als Verteidigungsstrategie begann, ist längst zu einer neuen Religion geworden.
Sie predigt Abschreckung und betet den Markt an. Sie segnet Milliardeninvestitionen und tauft sie auf den Namen Verantwortung.
Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren: Der Glaube an den Frieden ist ersetzt worden durch den Glauben an Effizienz.
PARTEIEN OHNE SCHONWASCHGANG
SPD/GRÜNE: Aus der alten Kultur der militä rischen Zurückhaltung ist Regierungspragmatismus geworden. 2 % sind gerissen, neue Pfade Richtung 3,5 % werden ernsthaft debattiert. Der Schritt ist mehr als Krisenverwaltung er ist ein Mentalitätsumbau hin zur dauerhaften Militarisierung der Haushaltslogik.
CDU/CSU: Will mehr Tempo, mehr Prozentpunkte, mehr industriepolitische Flankierung. Verteidigung als Leitindustrie so offenherzig wurde es selten beschrieben. Sicherheit wird zum Standortargument, nicht zur zivilen Aufgabe im Verbund von Diplomatie, Entwicklung, Recht und Rüstungskontrolle.
DIE LINKE: Hält die Abrüstungsfahne hoch, doch trä gt sie weniger weit als früher.Moralischer Impuls ja, politische Traktion nein auch, weil Rekordexporte und ein
Sicherheitsnarrativ der Dauerbedrohung jeden Abrüstungsappell übertönen.
© Paul Schulze 2025
Friedensessay Machtmaschinen
Deutschlands neue Rüstungsethik | Paul Schulze
und Wiederherstellung innenpolitischer Stabilitä t als Voraussetzung für außenpolitische
Handlungsfähigkeit.
Rhetorik der ‚Kriegstüchtigkeit‘.
FRIEDEN IST KEINE NOSTALGIE
Frieden ist kein Sonntagswort, sondern harte Arbeit: Rüstungskontrolle, Gesprächskanäle, Abrüstungs- und Sicherheitsarchitekturen, zivile Resilienz.
Wer Milliarden in Rüstung steckt, muss mindestens ebenso ambitioniert in Diplomatie, Mediation, Wiederaufbau und Vertrauenspolitik investieren, sonst triumphiert nur die Statik des Krieges.
Fazit:
Sicherheit ohne Frieden ist teuer und zerbrechlich. Frieden ohne Sicherheit ist naiv. Der Kompass fehlt, wenn Industriepolitik zur Moral wird und Sprache zur Marschmusik.
Eine republikanische Friedensethik nüchtern, verbindlich, doppelt mehrsprachig (militärisch und diplomatisch ist überfällig.
Wer jetzt nur auf Rohre, Prozente und Exportzahlen starrt, baut eine Republik, die ihre Kinder mit Stahl umarmt.
Wir können es besser: mit belastbaren Verhandlungen, echter Abrüstungsperspektive,
© Paul Schulze 2025