
Jenseits des Gewöhnlichen
Die Sprache der Macht – Wie Kriegsrhetorik die eigene Gesellschaft formt
Ein Essay über mediale Selbsthypnose und moralische Entlastung
von Paul Schulze
Die neue Form der Kriegsrhetorik entfaltet sich nicht nur an den Fronten, sondern in den Köpfen – sie prägt, was wir glauben,
fühlen und für moralisch halten. DiesesEssay betrachtet die deutsche Diskurslandschaft im Spiegel globaler Propagandatechniken und stellt die Frage: Wann wird Information zur Selbsttäuschung?
1. Vom Feindbild zur Filterblase
Kriegsrhetorik ist kein exklusives Phänomen der Autokraten. Auch Demokratien sind anfällig für ihre eigene semantische Selbstverführung.
Was im russischen Fernsehen als plumpe Propaganda gilt, erscheint in Deutschland als moralisch aufgeladene Haltung. Die Narrative ähneln sich in Struktur und Funktion – sie erzeugen ein Wir-Gefühl, das Kritik als Störung behandelt.
„These five narratives gain strength … when repeated throughout traditional and social media.“ — The Cipher Brief
So wie Russland seine Bevölkerung auf Opfer- und Verteidigungspathos einschwört, bedientsich auch der Westen einer moralisch überhöhten Version von „Abschreckung“, „Werteverteidigung“ und „Zeitenwende“.
Das Ergebnis ist eine subtile Synchronisierung der Sprache: Das „Gute“ kämpft mit denselben rhetorischen Waffen wie das „Böse“.
Aus Meinungsvielfalt wird Resonanzgleichklang – wer anders denkt, gilt schnell als unpatriotisch oder „naiv“.
2. Der moralische Imperativ ersetzt die Reflexion
Die deutsche Öffentlichkeit reagiert zunehmend allergisch auf Zwischentöne.
Der Begriff „Verständnis“ wurde diskursiv enteignet: Wer Verständnis äußert, gilt als Komplize.
So entsteht eine selbstgerechte Emotionalität, die Empörung mit Erkenntnis verwechselt.
„Russian eliminationist rhetoric characterizes Ukrainians as subhumans…“ — Just Security
Diese Rhetorik der Entmenschlichung findet im Westen ihr Echo – nicht als offene Hassrede, sondern als moralische Polarisierung.
Die Trennung in „gute Opfer“ und „böse Täter“ mag kurzfristig Orientierung schaffen, langfristig aber zerstört sie die Fähigkeit zum Denken in Ambivalenzen. In Deutschland wird so das Friedensnarrativ selbst militarisiert:
Wer zum Innehalten ruft, gilt als gefährlich. Wer Waffen hinterfragt, als unsolidarisch.
Ein Land, das seine Friedensbewegung belächelt, verlernt langsam das Zuhören.
3. Humanitäre Rhetorik als Tarnung von Interessen
„From the international law angle, Putin frames the invasion as a humanitarian intervention
and defensive war.“ — LMU München
Der Satz über Putin liest sich wie ein Zitat aus westlichen Interventionen der letzten
Jahrzehnte. Auch Berlin und Brüssel argumentieren zunehmend „humanitär“ – wenn Panzer geliefert,
Sanktionen verschärft oder Eskalationen legitimiert werden. Der moralische Code ersetzt die politische Analyse.
In der Folge wird Realpolitik zur Moralpädagogik und der Bürger zum Schüler einer
Erzählung, die Mitleid und Zustimmung ununterscheidbar macht.
„Nie wieder“ wird zur Leerformel, sobald sie dazu dient, neue Fronten zu öffnen.
4. Digitale Rhetorik – Die Desinformation der Überfülle
Studie: „Evolution of wartime discourse on Telegram …“ – arXiv 2025
Was früher Zensur war, ist heute Überfluss. In der Flut der Informationen verliert sich das Verhältnis von Quantität und Wahrheit.
Telegram, Twitter, Threads – sie schaffen keine Aufklärung, sondern algorithmische Tunnel.
So wird der Bürger nicht belogen, sondern überfüttert. Desinformation entsteht, wenn Wahrheit in ihrer eigenen Masse erstickt.
Der deutsche Diskurs lebt längst in dieser paradoxen Zone:
Die Menschen halten sich für gut informiert – und sind zugleich erschöpft von widersprüchlichen Signalen.
So gedeiht die neue Desinformation – nicht durch Falschmeldung, sondern durch Überforderung.
5. Zwischen Aufklärung und Alarmismus
Die Bundesrepublik 2025 pflegt eine Rhetorik der „wehrhaften Vernunft“. Doch die Grenze zwischen Wehrhaftigkeit und Verhärtung ist schmal. Wer Krieg als Dauerzustand der Moral begreift, erzeugt jene Feindbilder, die er zu
bekämpfen vorgibt.
Die Sprache selbst wird zur Waffe – und das Parlament zum Resonanzraum der Rhetorik.
Desinformation funktioniert heute nicht gegen, sondern durch demokratische Medien.
Sie tarnt sich als „Haltung“, als „Verantwortung“, als „Zeitenwende“. Damit wird sie gefährlicher als klassische Propaganda, weil sie von innen überzeugt.
Schlussgedanke: Der stille Krieg der Wörter
Die neue Front verläuft nicht an der Ostgrenze Europas, sondern mitten durch den Wortschatz der Demokratie.
Wer über Frieden spricht, muss sich gegen jene verteidigen, die Frieden für Schwäche halten.
Kriegsrhetorik beginnt dort, wo Sprache nicht mehr fragt, sondern bekennt.
Deutschland, das sich als moralischer Kompass Europas sieht, sollte sich fragen, ob es selbst noch Richtung kennt.
„Kriegsrhetorik beginnt dort, wo Sprache nicht mehr fragt, sondern bekennt.“
© Paul Schulze – November 2025
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