Nietzsche im Alltag

Veröffentlicht am 25. November 2025 um 00:46

Nietzsche im Alltag – Zahlen ohne Lagerdenken  24.11.25
Autor: Paul Schulze


1. Kriegs-Meldungen des Tages

Aus den heutigen Agenturberichten ergibt sich in etwa folgendes Bild:

In der Ukraine wird von neuen zivilen Opfern berichtet:
In der Westukraine (Ternopil) sprechen ukrainische Stellen von Dutzenden Toten und vielen Verletzten nach einem Raketenangriff auf ein Wohnhaus. Internationale Agenturen greifen diese Angaben auf und ordnen sie als einen der schwersten Angriffe auf zivile Ziele in diesem Jahr ein.

Gleichzeitig melden russische Behörden zivile Opfer durch ukrainische Angriffe auf russische Grenz- und Frontregionen, mit dem Hinweis, dass regelmäßig Menschen in diesen Gebieten getötet oder verletzt werden.

Gemeinsam ist allen Meldungen:
Sie berichten von zivilen Opfern auf beiden Seiten der Front, jeweils aus der eigenen Perspektive, jeweils zur Begründung der eigenen Bedrohungslage.


2. Szene

Früher Morgen in der Praxis.
Der Computer läuft, der erste Patient ist noch nicht da.

Auf dem Bildschirm: eine Nachrichtenseite. Im Text wird unterschieden nach „ukrainischen Angaben“, „russischen Angaben“, „westlichen Agenturen“ – am Ende aber steht in beiden Fällen dasselbe Wort: „zivile Opfer“.

Paul scrollt langsam nach unten, dann wieder nach oben.
Er merkt, wie ihn nicht eine einzelne Zahl schockiert, sondern dieses Gefühl von Dauer – als wäre das inzwischen bloß der „übliche Stand der Dinge“.

Er atmet aus, lehnt sich zurück.
Auf dem Stuhl gegenüber sitzt Nietzsche – nicht kämpferisch, eher aufmerksam, wie jemand, der schon weiß, dass die eigentliche Frage noch nicht gestellt ist.


3. Dialog – „Zahlen ohne Fahne“

Paul:
Friedrich, wenn ich das so lese, ist es fast egal, welche Agentur zitiert wird:
hier zivile Opfer in der Ukraine, dort zivile Opfer in russischen Grenzregionen.

Die Formulierungen unterscheiden sich, aber das Muster ist gleich:
„Unsere Menschen sterben – also ist unsere Seite im Recht.“

Nietzsche:
Der Krieg erzählt sich selbst immer mit demselben Vokabular: Bedrohung, Notwehr, Vergeltung.

Die Agenturen wechseln, die Grammatik bleibt.

Paul:
Und ich merke, wie leicht man hineingezogen wird.
Wenn ich nur die westlichen Meldungen lese, sehe ich vor allem russische Aggression.
Wenn ich nur russische Quellen lese, sehe ich vor allem ukrainische Angriffe.

Nimmst du beides zusammen, bleibt:
Auf beiden Seiten trifft Gewalt Menschen, die keine Generäle sind.

Nietzsche:
Genau das ist der Punkt, an dem ein friedensfähiger Blick entsteht:

Du erkennst:
„Die Lager sind verschieden, die Logik des Tötens ist dieselbe.“

Ohne zu verharmlosen, wer angefangen hat, ohne Täter und Strukturen zu verwischen –
aber auch ohne dein Mitgefühl an eine Fahne zu binden.

Paul:
Ich will genau das: Ich will Ukraine, Russland, Westen kritisieren können, ohne in eins der Lager hineinzurutschen.

Ich will sehen, dass Korruption, Machtinteressen, Propaganda auf allen Seiten existieren –
und trotzdem sagen: Jedes zivile Opfer ist eines zu viel, egal auf welchem Gebiet es liegt.

Nietzsche:
Dann ist es wichtig, dass du dich nicht von der Bildsprache in eine Richtung schieben lässt.

Man wird dir immer die stärksten Motive zeigen: explosive Schlagzeilen, dramatische Fotoausschnitte, symbolische Orte.

Ein freier Geist fragt:
„Was ist die Struktur dahinter, jenseits der Kulisse?“

Paul:
Also analytisch bleiben, ohne kalt zu werden.

Fakten sehen: Rakete hier, Artillerie da, Entscheidungen in Hauptstädten, Opfer in Dörfern und Städten.

Aber nicht mehr dieses Spiel:
„Unsere Zivilisten zählen, die anderen sind Kollateralschaden.“

Nietzsche:
Das könnte dein innerer Schwur sein:

„Ich lasse mir nicht vorschreiben, wessen Leid ich ernst nehmen darf – und ich lasse mir mein Mitgefühl nicht als Waffe aus der Hand nehmen.“

Damit nimmst du weder Russland noch der Ukraine noch dem Westen ihre Verantwortung ab –
aber du verweigerst, dass dein Herz Teil der Kriegslogik wird.

Paul (leise):
Dann ist mein heutiger Satz vielleicht:
„Ich nehme zivile Opfer beider Seiten zur Kenntnis, ohne daraus Munition für ein Lieblingslager zu machen.“

Nietzsche:
Das ist eine nüchterne, aber sehr entschiedene Form von Frieden im Denken.


4. Friedenssatz des Tages

„Ich nehme zivile Opfer auf allen Seiten ernst – ohne sie zur Munition für mein Lager zu machen.“


5. Kleine Friedenspraxis – „Fakten rein, Fan-Filter raus“

  1. Hinstellen oder hinsetzen, Füße bewusst spüren.

  2. Innerlich zwei Sätze sprechen:
    – „Es gibt zivile Opfer in der Ukraine.“
    – „Es gibt zivile Opfer in russischen Regionen.“
    Nur sachlich, ohne Kommentar.

  3. Dann leise hinzufügen:
    „Ich muss kein Fan eines Kriegs-Lagers werden, um jedes Leid ernst zu nehmen.“

  4. Drei ruhige Atemzüge: ein durch die Nase, länger aus durch den Mund.
    Beim Ausatmen: „Mein Nervensystem lässt sich nicht zum Schlachtfeld machen.“

  5. Zum Schluss einen Punkt im Raum anschauen (Tasse, Fensterrahmen, Stuhl) und kurz spüren:
    „Ich bin hier, jetzt, lebendig – und ich darf klar sehen, ohne mich vereinnahmen zu lassen.“