"Friedenspläne ohne Frieden" 27.11.25

Veröffentlicht am 28. November 2025 um 00:36

Nietzsche im Alltag 27.11.25

Kriegs-Meldungen des Tages

Aus den aktuellen Berichten zum Ukraine-Krieg ergibt sich grob folgendes Bild:

  • Moskau:
    Die russische Führung signalisiert grundsätzlich Gesprächsbereitschaft, knüpft diese aber an harte Bedingungen: Anerkennung der bereits besetzten Gebiete, Abzug ukrainischer Truppen aus weiteren Regionen, Sicherheitsgarantien für Russland. Die Botschaft: Verhandlungen ja – aber nur auf Basis eines faktischen russischen Gebietszuwachses.

  • Kiew und westliche Hauptstädte:
    Die ukrainische Regierung lehnt Gebietsabtretungen ab und fordert langfristige Sicherheitsgarantien und massive Militärhilfe. In Berlin und anderen europäischen Hauptstädten ist von „Standfestigkeit“, „Kriegsfähigkeit“ und „dauerhafter militärischer Unterstützung“ die Rede. Das Wort „Frieden“ kommt meist nur als Etikett vor – im Vordergrund steht die Forderung, dass die Ukraine auf Dauer eine große, schlagkräftige Armee behalten müsse.

  • Washington und Brüssel:
    Es kursieren verschiedene Papierentwürfe für einen möglichen „Friedensplan“ oder eine „Konferenz“, doch fast alle sind an Bedingungen geknüpft, die die eigene Machtposition absichern sollen. Von echter Abrüstung oder einer Abkehr von der militärischen Logik ist kaum die Rede.

Kurz gesagt:
Alle benutzen das Wort „Frieden“, aber fast alle reden in erster Linie über Truppenstärken, Waffenlieferungen und rote Linien.

Szene

Früher Morgen in der Praxis.

Der PC summt, die Kaffeemaschine knackt, draußen ist es noch halbdunkel.
Paul scrollt durch die Nachrichten:

„Russland signalisiert Gesprächsbereitschaft – unter Bedingungen.“
„Regierung in Berlin: Ukraine muss kriegsfähig bleiben.“
„Westliche Staaten diskutieren über Sicherheitsgarantien und weitere Waffenpakete.“

Er liest diese Sätze, und es fällt ihm auf:
Das Wort „Frieden“ taucht auf –
aber niemand spricht davon, wie man aus der Logik des Krieges überhaupt herauskommen will.

Er lehnt sich im Stuhl zurück.
In diesem Moment sitzt Nietzsche schon auf dem Stuhl gegenüber,
Mantel offen, Hände ineinandergelegt,
als würde er einem etwas zu nüchternen Therapieplan zuhören.


 Dialog – „Friedensplan als Fortsetzung des Krieges“

Paul:
Friedrich, ich habe das Gefühl, hier wird ein Wort missbraucht.
Überall steht „Friedensplan“, „Konferenz“, „historische Chance“.

Aber wenn ich genauer lese,
geht es fast nur darum,
wer was behalten darf,
wer wie viele Soldaten haben soll,
welche Seite als Sieger dasteht.

Der Kanzler hier redet nicht von Frieden –
er redet von Durchhalten, Aufrüstung, Kriegsfähigkeit.
Für mich ist er damit Teil des Problems, nicht der Lösung.

Nietzsche:
Du siehst richtig.

Was man dir als „Friedensplan“ verkauft,
ist häufig nur ein neuer Bauplan
für denselben alten Bau:
Blockkonfrontation, Abschreckung, Machtgleichgewicht.

„Frieden“ ist dann ein Etikett,
keine neue Denkweise.

Paul:
Ich lese:
– keine Gebietsabtretungen,
– keine Schwächung der Armee,
– mehr Waffen,
– mehr Geld für Abschreckung.

Und gleichzeitig:
„Wir wollen Frieden.“

Das ist, als würde ich einem Patienten mit schwerer Entzündung sagen:
„Wir wollen Heilung –
aber wir müssen den Reiz unbedingt beibehalten,
am besten sogar verstärken.“

Nietzsche:
Schönes Bild aus deiner Praxis.

Die Logik der Herrschenden lautet:

„Wir beenden diesen Krieg so,
dass wir beim nächsten besser dastehen.“

Das ist kein Frieden,
sondern strategische Pause.

Paul:
Und es wird so getan,
als sei jede Infragestellung dieser Linie naiv oder gefährlich:
Wer Abrüstung, neutrale Zonen oder echte Entmilitarisierung ins Spiel bringt,
gilt schnell als weltfremd oder „auf der falschen Seite“.

Nietzsche:
Weil dein Zeitalter Krieg als Normalzustand akzeptiert hat.

Er heißt nur anders:
„Sicherheitsarchitektur“, „Verteidigungsbereitschaft“, „Abschreckung“.

Das ist, als würde man sagen:
„Wir leben in einem Brandhaus,
aber die Flammen sind gut gemanagt –
also ist alles in Ordnung.“

Paul:
Was mich wütend macht:
Niemand in Regierungsverantwortung hier sagt offen:
„Wir haben auch unseren Anteil daran,
dass es so weit gekommen ist –
und wir sind bereit, an unserer Rolle etwas zu ändern.“

Stattdessen:
„Die anderen sind das Problem,
wir sind die Antwort.“

Nietzsche:
Selbstkritik ist selten Teil der Staatsräson.
Aber sie ist Voraussetzung für echten Frieden.

Solange jede Seite nur ruft:
„Der andere muss sich ändern,
damit Frieden möglich ist“,
bleibt alles beim Alten.

Paul:
Also bleibt mir nur,
mich innerlich von dieser Art „Friedenssprache“ zu distanzieren.

Ich kann sagen:
Ja, ein Waffenstillstand wäre ein Fortschritt.
Ja, weniger Beschuss wäre ein Fortschritt.

Aber ich lasse mir nicht einreden,
dass ein eingefrorener Konflikt mit Daueraufrüstung
schon Frieden ist.

Nietzsche:
Das ist bereits ein klarer Standpunkt.

Du könntest es so formulieren:

„Für mich beginnt Frieden erst dort,
wo die Bereitschaft wächst,
weniger auf militärische Stärke zu setzen –
nicht dort, wo man sie nur neu verteilt.“

Alles andere mag politisch notwendig genannt werden,
aber nenn es nicht Frieden.

Paul (nickt):
Dann ist mein Satz des Tages vielleicht:
„Ich verwechsele nicht mehr:
Vertrag mit Frieden,
Waffenpause mit Heilung,
Aufrüstung mit Sicherheit.“

Nietzsche:
Damit bist du im Denken weiter
als viele, die an den Konferenztischen sitzen.

Vielleicht kannst du diesen Unterschied
in deiner Praxis, in deinen Gesprächen,
in deinem Schreiben lebendig halten.


Friedenssatz des Tages

„Ich nenne nur das Frieden, was die Logik des Krieges schwächt – nicht, was sie verwaltet.“


Kleine Friedenspraxis – „Mein Maßstab für Frieden“

  1. Kurz innehalten – sitzen oder stehen, Füße bewusst auf dem Boden.

  2. Einen aktuellen Satz aus den Nachrichten innerlich zitieren, z. B.:
    „Die Regierung arbeitet an einem Friedensplan.“

  3. Dann dir selbst leise die Frage stellen:
    „Meinen die Frieden – oder nur eine neue Form von Kontrolle und Aufrüstung?“

  4. Einen tiefen Atemzug nehmen, beim Ausatmen denken:
    „Ich darf einen anderen Maßstab für Frieden haben als die Regierenden.“

  5. Am Ende einen konkreten Satz finden, der für dich heute gilt, z. B.:
    „Ich unterstütze Frieden nicht durch Parolen,
    sondern durch klare Distanz zur Logik des Krieges – auch im Denken.“