Wehrdienst ohne Friedensdienst

Veröffentlicht am 5. Dezember 2025 um 22:29

Friedensprotokoll, 05.12.25

„Nietzsche im Alltag“ – Folge:  Wehrdienst ohne Friedenssat

Kriegs-Meldungen des Tages – 05.12.25

Aus den heutigen Meldungen ergibt sich in etwa folgendes Bild: 


Deutschland – Wehrdienstgesetz
Der Bundestag beschließt das neue Wehrdienstmodell:
verpflichtende Erfassung eines Jahrgangs, Ausbau der Reserven, Ziel: „wehrhafte Republik“ bis 2035.
Begründung: „Zeitenwende“, „Bündnisfähigkeit“, „Sicherheit in Europa“.
Europa – Druck nach innen
Aus Brüssel und mehreren Hauptstädten kommen scharfe Worte gegen Mitgliedsstaaten, die als „unsolidarisch“ oder „illiberal“ gelten.
Im Vordergrund stehen „Kante“, „Konsequenzen“, „Werteverteidigung“ – nicht die Frage nach einer gemeinsamen Friedensstrategie.
Ukraine – Krieg vorne, Korruption hinten
In den Schlagzeilen: Frontverläufe, neue Waffenpakete, Milliardenhilfen.
Hinweise auf anhaltende Korruptionsprobleme in Kiew tauchen eher in Hintergrundberichten und Randspalten auf, ohne dass sie die politische Linie sichtbar verändern.
Symbolische Friedensgesten
Gleichzeitig werden auf internationalen Bühnen Preise und Auszeichnungen vergeben, bei denen „Frieden“ groß im Titel steht – medial hier nur Kritik.

Gemeinsam ist diesen Meldungen:
Es wird umfassend über Kriegsvorbereitung, Wehrhaftigkeit und Sanktionen gesprochen – 
ein klar formulierter europäischer Friedensplan taucht in den Hauptnachrichten nicht auf.

Szene

Später Abend in der Praxis.
Die Tür ist abgeschlossen, das Wartezimmer dunkel.
Nur im Arztzimmer leuchtet noch der Bildschirm, der Nachrichtenticker läuft stumm.

Paul sitzt im Drehstuhl, das Jackett über der Lehne.
Die Schlagworte des Tages ziehen noch einmal an seinem inneren Auge vorbei:

Wehrdienstgesetz.
Musterung. 

„Kante zeigen“ gegen Ungarn. 

Neues Paket für die Ukraine.  Ein Preis, in dessen Titel das Wort „Frieden“ nicht vorkommt – ohne erkennbaren Weg dorthin.

Er merkt, dass ihn nicht eine einzelne Meldung erschöpft,
sondern die Summe des Tons:
Überall wird organisiert, verstärkt, gesichert, bestraft –
aber niemand spricht aus, wie Europa sich den Ausgang aus diesem Zustand vorstellt.

Paul schaltet den Ton aus.
Auf dem schwarzen Bildschirm spiegelt sich die Praxis – und auf dem Besucherstuhl eine Gestalt, an die er sich inzwischen gewöhnt hat.

Nietzsche sitzt da, der Mantel locker, der Blick ruhig, aber wach – als hätte er den ganzen Abend über zugehört.

Dialog – „Wehrdienst ohne Friedenssatz“

Paul:
Friedrich, heute haben sie das Wehrdienstgesetz beschlossen.
Alle reden von „Notwendigkeit“, „Zeitenwende“, „Verantwortung“.

Dann die EU:
harte Worte gegen Ungarn, Druck nach innen, Überzeugung nach außen.
In der Ukraine weiter Krieg, weiter Waffen, weiter Geld –
Korruption nur als Fußnote.
Und irgendwo dazwischen wieder ein Preis mit „Frieden“ im Namen.

Ich frage mich:
Wie kann man so viel reden – und so wenig über den Frieden sagen?

Nietzsche:
Du meinst nicht Peace-Rhetorik, sondern einen einfachen Satz wie:

„Unser Ziel ist, dass weniger Menschen sterben – und wir sagen, wie wir dahin kommen.“

Paul:
Genau.
Stattdessen höre ich:
Wir müssen wehrhaft sein.
Wir dürfen keine Schwäche zeigen.
Wir müssen klare Kante zeigen.

Alles mag in sich logisch sein –
aber es ist, als wäre der Friedensgedanke nur noch eine Dekoration.
Wenn „Frieden“ vorkommt, dann als Begründung für Aufrüstung,
nicht als eigener Horizont.

Nietzsche:
Du beschreibst eine Sprachverschiebung:

Früher:
„Wir rüsten, um den Frieden zu sichern.“

Heute:
„Wir rüsten – Punkt.“
Der Frieden wird vorausgesetzt, aber nicht mehr gedacht.

Paul:
Und dann die Ukraine:
Jeder weiß, dass Korruption ein Problem ist.  Aber im öffentlichen Bild darf es nicht stören. Die Erzählung muss sauber bleiben.

Ich soll an „unsere Werte“ glauben – aber bitte nicht so genau hinschauen,  wo Geld, Waffen und Macht wirklich landen.

Nietzsche:
Das ist der Punkt,
an dem ein freier Geist nervös wird:
Wenn das Mitdenken unerwünscht ist.

Du willst sagen können:
Ja, Russland hat diesen Angriffskrieg begonnen.
Ja, die Ukraine hat ein Recht auf Selbstverteidigung.
Und trotzdem:
Korruption, Machtmissbrauch und Kriegsprofit sind auch dort ein Thema – und dürfen benannt werden, ohne dass du sofort in ein Lager gesteckt wirst.

Paul:
Ich will beides:
Klar sehen, wer den Krieg begonnen hat – und trotzdem nicht blind werden für Schatten auf allen Seiten.

Und ich will sagen dürfen:
Wehrdienst, Aufrüstung, Sanktionen – alles kann man diskutieren. Aber irgendwo muss doch ein Friedenssatz stehen.

Nietzsche:
Vielleicht ist das dein Auftrag, Arzt:
Nicht der große Plan, sondern der eine Satz, den du nicht preisgibst.

Paul (nachdenklich):
Also so etwas wie: „Kein Gesetz, keine Strategie, ist für mich vollständig, wenn sie den Frieden nicht als Ziel ausspricht.“

Nietzsche: 
Das wäre ein guter Anfang.

Denn so lange niemand diesen Maßstab formuliert,  wird jeder Schritt der Militarisierung 

Du musst nicht die Welt retten. Aber du kannst festhalten:
„Ich lasse mir nicht abgewöhnen, nach dem Frieden zu fragen – auch dann nicht, wenn alle vom Wehrdienst sprechen.“

Friedenssatz der Folge
„Ich akzeptiere kein Wehrdienst- und Sicherheitskonzept, das den Frieden nicht klar als Ziel benennt.“


5. Kleine Friedenspraxis (1 Minute) – „Friedenssatz statt Ohnmacht“
1. Hinstellen oder hinsetzen und Füße bewusst auf dem Boden spüren.
Einmal Schultern hochziehen – langsam wieder sinken lassen.
2. Eine Nachricht des Tages innerlich aufrufen
Wehrdienst, Sanktionen, Waffenpaket – nur als Stichwort, ohne Details.
3. Leise dazu sagen:
„Ich nehme das zur Kenntnis – aber ich habe das Recht, nach dem Frieden zu fragen.“
4. Eigenen Friedenssatz formulieren
Zum Beispiel:
„Ich will, dass weniger Menschen sterben – daran messe ich Politik.“
Diesen Satz einmal innerlich wiederholen.
5. Drei ruhige Atemzüge
Einatmen durch die Nase, langsam ausatmen durch den Mund.
Beim Ausatmen:
„Mein Denken gehört nicht der Kriegslogik.“
6. Blick heben
Einen realen Gegenstand im Raum anschauen  (Tasse, Fenster, Stuhl) und spüren:
Ich bin hier.
Ich darf klar sehen – und meinen Friedensgedanken behalten.