
Krieg in Zahlen, Geld und Öl
Nietzsche im Alltag – Folge: „Krieg mit anderen Mitteln“
Autor: Paul Schulze – Morgendialog, Samstag, 13. Dezember 2025
1. Nachrichten des Tages – Krieg in Zahlen, Geld und Öl
Heute verdichten sich drei Stränge der Kriegsrealität:
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Finanzkrieg in Brüssel:
Die EU hat beschlossen, rund 210 Milliarden Euro russischer Zentralbank-Vermögen auf unbestimmte Zeit eingefroren zu lassen. Damit sollen rechtliche Hürden wegfallen, um daraus einen großen Kredit für die Ukraine zu speisen – für Militär und Staatshaushalt in den kommenden Jahren. Kritiker sprechen von einem Tabubruch beim Eigentum, Befürworter von „Vorkasse auf russische Reparationen“. Russland bezeichnet das als illegal und klagt gegen die Verwahrung bei Euroclear. -
Drohnenangriff tief in Russland:
Das ukrainische Militär meldet, eine der größten russischen Raffinerien im Gebiet Jaroslawl mit Drohnen getroffen zu haben. Laut Branchenquellen musste nach Explosionen und Feuer ein zentrales Verarbeitungsaggregat abgeschaltet werden, die Produktion wurde ausgesetzt. Es ist Teil einer Serie gegenseitiger Angriffe auf Energie-Infrastruktur – weit weg von der eigentlichen Frontlinie. -
Frontlage:
Die ukrainische Armeeführung spricht allein für gestern von 161 Gefechten entlang der Front, mit massiven Artillerie-, Bomben- und Drohnenangriffen auf Stellungen und bewohnte Gebiete. Von Entspannung ist keine Rede.
Parallel dazu sickert durch, dass die USA in Gesprächen mit Kiew Modelle von „Pufferzonen“ und wirtschaftlichen Sondergebieten im Osten ins Spiel bringen – eine Art Kompromiss zwischen Territorialverzicht und weiterem Kriegsverlauf.
Kurz:
Der Krieg tobt gleichzeitig als Schlachtfeldkrieg, Finanzkrieg und Energiekrieg – während man das Wort „Frieden“ vor allem in Verhandlungspapieren findet.
2. Szene
Früher Morgen in der Praxis.
Der Computer fährt hoch, der erste Patient ist noch nicht da.
Auf dem Bildschirm drei Tabs:
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EU-Beschluss zum Einfrieren russischer Vermögen.
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Meldung über den Drohnenangriff auf die Raffinerie bei Jaroslawl.
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Lagebericht der ukrainischen Armee: 161 Gefechte, Bomben, Drohnen.
Paul nimmt einen Schluck Kaffee, merkt aber, wie der Geschmack irgendwie metallisch wird.
Geld, Öl, Menschenleben – alles in einem zähen Brei aus Schlagzeilen.
Er lehnt sich im Stuhl zurück.
Als er den Blick vom Monitor löst, sitzt Nietzsche ihm gegenüber –
nicht heroisch, sondern wie ein aufmerksamer Beobachter, der schon zu viele Geschichten über „heilige“ Kriege gehört hat.
3. Dialog – „Krieg mit anderen Mitteln“
Paul:
Friedrich, wenn ich mir das anschaue, sehe ich drei Ebenen:
Soldaten an der Front,
Finanzminister in Brüssel,
Drohnen über russischen Raffinerien.
Und alles gehört zu demselben Krieg.
Man nennt das „Unterstützung für die Ukraine“, „Sanktionen“, „Druck auf Russland“ –
aber am Ende ist es doch alles Teil einer Eskalationsspirale.
Nietzsche:
Dein Zeitalter hat gelernt, den Krieg zu diversifizieren.
Früher: Schwert, Feldzug, Schlacht.
Heute: Front, Finanzmärkte, Energieinfrastruktur.
Man führt Krieg, selbst wenn man behauptet, nur das Recht zu verteidigen.
Der Satz „Wir frieren Vermögen ein, um Frieden zu schaffen“
klingt wie: „Wir schlagen zu, um das Schlagen zu beenden.“
Paul:
Die EU verkauft das als Schritt Richtung Gerechtigkeit:
„Russland muss zahlen, also nutzen wir schon jetzt seine Vermögen.“
Aber ich spüre, dass hier etwas kippt.
Eigentum, Rechtsstaat, Vertragsprinzip – das war doch mal der Stolz des Westens.
Und gleichzeitig erhöhen wir den Druck,
damit die Ukraine weiterkämpft und finanziell durchhält.
Das ist für mich nicht Friedenspolitik,
sondern Kriegsverlängerung auf elegante Art.
Nietzsche:
Natürlich.
Wenn man wirklich Frieden wollte,
würde man fragen:
„Wie verringern wir die Fähigkeit aller Seiten, Krieg zu führen?“
Stattdessen fragt man:
„Wie sichern wir, dass unsere Seite den Krieg länger durchhält?“
Sanftes Vokabular –
harte Logik.
Paul:
Und dann der Drohnenangriff auf die Raffinerie tief in Russland.
Militärisch wahrscheinlich „verständlich“:
man schwächt die russische Kriegswirtschaft.
Aber de facto weitet man den Krieg in den russischen Binnenraum aus.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass das die Schwelle zum Frieden senkt.
Nietzsche:
Jeder neue Bereich, den man zum Schlachtfeld macht –
egal ob Öl, Stromnetz oder Finanzsystem –
bindet die Zukunft enger an die Vergangenheit dieses Krieges.
Du nagelst Jahre fest,
indem du heute Strukturen zerstörst,
die morgen vielleicht Menschen dienen könnten.
Paul:
Das, was mich am meisten stört,
ist der Ton:
Hier die „mutigen Ukrainer“,
dort das „völkerrechtsbrechende Russland“,
hier die „wertebasierte EU“,
dort der „Terrorstaat“.
Ich bin gegen diesen Krieg,
gegen jede Form des Krieges –
und finde mich in dieser Lagerlogik nirgends wieder.
Nietzsche:
Weil du nicht bereit bist,
dein Mitgefühl und deinen Verstand an ein Lager zu vermieten.
Du darfst sagen:
-
Ja, Russland trägt die Hauptverantwortung für den Überfall.
-
Ja, die Ukraine hat ein Recht auf Schutz.
-
Und: Nein, daraus folgt nicht, dass jede Form der Eskalation,
jede Sanktion, jeder Schlag tief ins Nachbarland
automatisch „gut“ ist.
Frieden braucht Menschen, die den Krieg nicht romantisieren –
weder im Namen des Rechts noch im Namen der Rache.
Paul (nickt):
Also wäre mein heutiger innerer Satz:
„Ich akzeptiere keine Maßnahme als ‚Friedenspolitik‘,
die in Wahrheit nur neue Fronten eröffnet –
ob im Geld, im Öl oder im Netz.“
Nietzsche:
Sehr gut.
Du kannst die Fakten sehen,
ohne dich ihrer Deutung zu beugen.
Der freie Geist erkennt an,
was geschieht –
und behält sich vor,
es anders zu bewerten als die Trommeln des Tages.
4. Friedenssatz des Tages
„Ich nenne nur das Frieden, was die Fähigkeit zum Krieg auf allen Seiten schwächt – nicht das, was ihn auf neuen Ebenen fortsetzt.“
5. Kleine Friedenspraxis (ca. 1 Minute) – „Meine eigene Frontlinie schließen“
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Kurz anhalten.
Im Sitzen oder Stehen die Füße bewusst auf dem Boden spüren.
Schultern einatmen hochziehen, ausatmen sinken lassen. -
Fakten innerlich benennen:
„Es gibt Kämpfe an der Front.“
„Es gibt einen Finanzkrieg mit eingefrorenen Vermögen.“
„Es gibt Angriffe auf Energie-Infrastruktur.“Nur feststellen – ohne Kommentar.
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Eigenen Maßstab formulieren:
Leise denken:
„Ich darf diese Maßnahmen sehen –
und trotzdem sagen: Für mich ist das noch kein Frieden.“ -
Drei ruhige Atemzüge:
Ein durch die Nase, länger aus durch den Mund.
Beim Ausatmen:
„Mein Denken gehört keiner Kriegspartei.“ -
Abschluss:
Einen Punkt im Raum anschauen (Fensterrahmen, Tasse, Türgriff)
und innerlich sagen:„Hier ist meine Frontlinie:
Ich lasse mein Mitgefühl und meinen Verstand
nicht in den Dienst des Krieges stellen.“
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